Lloydhof

Ganz zentral und doch versteckt liegt mitten in der Bremer Innenstadt ein Einkaufszentrum, das niemand so richtig zu mögen scheint: Die Besucher meiden es wie die Pest, die Ladenmieter würden am liebsten eine andere Ladenfläche nutzen und die Politiker hätten gerne ein riesiges modernes Einkaufszentrum an seiner Stelle stehen.

Ja, der Lloydhof hat es nicht leicht. Und das liegt nicht nur am Doppel-L im Namen. Im Jahre 1979 wurde mit dem damals noch »Lloyd-Passage« genannten Häuserkomplex die etwas leer wirkende Nordseite des Ansgarikirchhofes befüllt. In den 90er-Jahren wurde dann die Glasüberdachung über den Innenhof gebaut, denn schon damals wurde das Gebäude nicht genug genutzt. Leider half der nun wetterfeste Innenhof auch nicht weiter und war bis zuletzt vor allem durch Leerstände geprägt.

Mitten in der Bremer Fußgängerzone gelegene Leerstände sind verschwendeter Raum, dachten sich die Regierungsparteien. Also schrieb man 2012 einen Wettbewerb um die Bebauung des Lloydhofes und des angrenzenden Parkhauses aus. Ein neues, großes und modernes Einkaufszentrum sollte den etwas aus der Zeit gefallenen Lloydhof ersetzen. Es bewarben sich zwei Bieter. Der eine war ein Bremer Bauunternehmer. Er wollte ein von Beton und Glas dominiertes, eher schlichtes Gebäude mit großzügigen Gängen und Ladenflächen schaffen. Der zweite Bieter war ein spanisches Unternehmen, das international für seine Einkaufszentren bekannt ist. Dieses Unternehmen wollte ein gläsernes Gebäude mit vielen Stockwerken und Parkmöglichkeiten schaffen. Alles sollte prunkvoll und luxuriös aussehen.

Natürlich entschied man sich für die prunkvolle und teurere Variante, denn Bremen hat kein Geld. Sobald die ersten Kostenvoranschläge bekannt waren, wurden die ersten Gegner des Projekts »City Center« laut. Man hatte Angst, das Einkaufszentrum würde die Innenstadt nichtbeleben, sondern entleben. Sowohl die Läden als auch ihre Kunden würden sich viel lieber in einem Einkaufszentrum aufhalten, als in der bisherigen Fußgängerzone. Und die Fußgängerzone sei am Ende ganz leer.

Überraschend sprang Mitte 2015 das spanische Unternehmen vom Projekt ab. Nun hatte niemand einen Plan B. Der Lloydhof war bereits von der Stadt angekauft, eigentlich zum Abriss freigegeben. Die Ladenmieter waren bereits ausgezogen, das Gebäude stand leer. Was also tun?

Zwischennutzung ist hier das Stichwort. Die ZwischenZeitZentrale Bremen, die bereits eine alte Wurstfabrik in Sebaldsbrück unter dem Namen »WURST CASE« zwischennutzt, wurde von der Stadt Bremen beauftragt, etwas mit den Ladenflächen anzustellen. Also siedelte man Künstler und kleine Nischenläden an.

Im Grunde genommen besucht noch immer niemand den Lloydhof. Aber für die Zwischennutzer kann das eine große Chance sein. Machen wir uns also auf, den Lloydhof in seiner derzeitigen Gestalt etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Sofort ins Auge fällt mir die »City Galerie«. Hier wird das neue Innenstadtkonzept für Bremen auf einigen lieblos ins Schaufenster gestellten Aufstellern erklärt. Ironischerweise war auch das »City Center« ursprünglich ein Teil dieses Konzeptes. Ansonsten halte ich die vorgeschlagenen Maßnahmen durchaus für sinnvoll.

Daneben befindet sich ein »Outlet Store«. Innen sieht es sehr ramschig aus, es wird auch durch Plakatierungen betont, wie niedrig die Warenpreise sind.

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Im nächsten Laden ist das »Stadtmusikantenhaus der BremerLeseLust« zu finden. Die Bremer Leselust ist ein Projekt, das gegründet wurde, weil die PISA-Ergebnisse in Bremen bundesweit am schlechtesten waren. Also entschieden sich unter anderem die Stadtbibliothek und die Bürgerschaft dazu, das Lesen attraktiver zu machen. Dazu werden überall in Bremen (und teilweise auch andernorts) lesende Stadtmusikanten als Statuen aufgestellt, Lesungen veranstaltet oder eben dieser Laden im Lloydhof eröffnet. Im Inneren gibt es, wie nicht anders zu erwarten, Bücher. Die kann man sich entweder für Geld kaufen oder ohne Geld gegen ein mitgebrachtes Buch eintauschen. Eine gute Aktion, von der nur leider niemand weiß.

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Beim Anschauen des nächsten Ladens, war ich anfangs etwas verwirrt. Ein Plakat wies wie in schlechter Internetwerbung darauf hin, man könne reich werden, wenn man jeden Tag 10 Minuten etwas bestimmtes im Internet macht. Auch der Rest des Ladens wirkte nicht besonders vertrauenserweckend. Von Magnetheilarmbändern bis seltsamen Ratgeberhandbüchern gibt es dort alles, was das Esoterikerherz begehrt. Nicht wirklich mein Fall.

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Ein Schaufenster weiter findet man ein großes Schlüsselloch. Dahinter findet sich vielfältiges Nachtwächterutensil. Was eigentlich nur Werbung für nächtliche Führungen durch die Bremer Innenstadt mit als Nachtwächter verkleideten Führern ist. Des abends habe auch ich tatsächlich mal solche Führungen beobachten können. Wie ich hörte, sollen sie ganz gut sein. Bislang habe ich aber noch nicht an solch einer Führung teilgenommen.

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Wieder etwas weiter hat sich ein Schmuck- und Kleiderladen angesiedelt. Von außen sieht er ganz in Ordnung aus, aber ein genaueres Urteil kann ich mir nicht erlauben. Dazu habe ich einfach zu wenig Ahnung von Mode.

Von dort aus geht es weiter zum »Haus der phantastischen Kunst in Bremen«, kurz »callas«. Callas ist geschmackvoll eingerichtet, es dominieren dunkle Rottöne im Ausstellungsraum. Im weitesten Sinne handelt es sich dabei um eine Galerie, die vor allem Werke desPhantastischen Realismus und des Magischen Realismus ausstellt. Obwohl ich mich mit Kunst nicht wirklich auskenne, klingt das doch auf den ersten Blick spannend.

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Gegenüber befindet sich das Büro von »LOVE local music« beziehungsweise »hashtagbremen.de«. Bei Hashtag Bremen geht es vor allem um junge lokale Popkultur in Bremen. Auf der gleichnamigen Internetseite finden sich Partybilder, Musikempfehlungen und Sonderangebote für Partnerläden. Ich bin zum ersten Mal durch dieses Video der Bremer Band Moving Houses auf Hashtag Bremen aufmerksam geworden. Das Video wurde über den Dächern von Walle aufgenommen und ist auf eine gewisse Weise sehr ästhetisch. Gerade seit der Radiosender FluxFM nicht mehr in Bremen sendet, ist die lokale Musikszene in der Öffentlichkeit doch stark unterrepräsentiert. Das Ganze hat also Potenzial.

Als nächstes ragt ein »Fairkaufhaus« mit dem Namen »Bemerkenswert« hervor. Das ist ein liebevoll gestalteter Secondhandladen, der allerlei gebrauchte Dinge schön aufbereitet ausstellt und anschließend verkauft. Und weil der so schön aussieht, muss ich meine Secondhandladenphobie wohl noch einmal überdenken.

Weiter hinten liegt »sowas – wozi digital artwork«, was eine Grafikdesignschmiede mit angeschlossener Druckerei ist. Im Schaufenster stand allerdings auch selbstgemachte Marmelade zum Verkauf. Na »sowas«.

Verlässt man den Lloydhof auf der Nordseite, ist man noch nicht gleich aus dem Gebäudekomplex heraus. Denn hier befindet sich noch eine sehr kleine Ladenzeile, bevor man auf eine Straße entlassen wird.

Dazu gehört unter anderem das Parteibüro der PARTEI Bremen. Im Fenster hängen allerleiabsurde Plakate, fast alle stammen noch von der letzten Landtagswahl. Dennoch ist die PARTEI aktiv, die nächste Versammlung steht laut Zettel an der Tür kurz bevor.

Fast gegenüber, nur weiter oben, ist eine äußerst schöne Wandmalerei. Auf dem Foto sieht sie nicht so gut aus wie in der Realität.

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Und schräg darunter befindet sich das Getränke-Startup »UrbanOwl«, das einen Energydrink gegen den Kater entwickelt hat. Der heißt »Freigeist« und sollte in fast jedem Getränkeladen anzutreffen sein. Da ich sowohl vom Alkoholkonsum als auch von Energydrinks nichts halte, ist »Freigeist« wohl nichts für mich. Aber vielleicht ja für euch.

Dann ist da noch eine ehemalige Kantine.

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Und eine Abteilung des Bremer Senators für Umwelt, Bau und Verkehr. Nur der Vollständigkeit halber.

Schon fast gar nicht mehr im Lloydhof (aber direkt daneben) liegt ein Laden namens »Wedderbruuk – Vintage Möbel und Interieur«. Und Vintage wurde hier wirklich ernst genommen. Alles sieht aus wie bei Oma und Opa. Nichts, was Hipster-Semi-Vintage wäre, alles wirklich richtig alt. Aber in neu.

Bevor ich mich in Widersprüche verstricke, bin ich auch schon am Wegesende angelangt. So heißt nämlich die Straße hier. Die ist leider von vielen Autos befahren, weil sich in der Nähe ein stark genutztes Parkhaus befindet.

Zurückblickend auf den Lloydhof stelle ich fest, dass es schade wäre, würde der Lloydhof tatsächlich abgerissen. Um ehrlich zu sein: Ich finde den Lloydhof architektonisch nicht schlecht. Sowohl von innen, als von außen sind viele gute Ideen sichtbar, auch wenn einige (erneuerbare) Elemente leicht angestaubt wirken.

Und im Augenblick befinden sich doch manch wirklich schöne Läden in den vormaligen Leerständen. Die nimmt zwar keiner wahr, denn die Besucherzahlen sind nicht wirklich in die Höhe geschossen, aber vielleicht ist es ja auch gut, wenn es diese »Geheimtipps« mitten in der Stadt nun für längere Zeit gibt.

Ein Gedanke zu „Lloydhof“

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